OLDENBURG: FRÄULEIN JULIE von Antonio Bibalo
Opernrarität in Oldenburg:
„Fräulein Julie“ von Antonio Bibalo (Premiere: 17. 11. 2011)
Linda Sommerhage beeindruckte in der Titelrolle der Julie (Foto: Andreas J. Etter)
Im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters hatte am 17. November 2011 die Oper„Fräulein Julie“ des norwegischen Komponisten Antonio Bibalo nach dem gleichnamigen Schauspiel von August Strindberg Premiere, deren Uraufführung im September 1975 in Ǻrhus stattfand. Der Komponist italienischer Herkunft – er wurde 1922 in Triest geboren – studierte zuerst in seiner Geburtsstadt, wo er zum Pianisten ausgebildet wurde, später in London Komposition, ehe er nach Norwegen auswanderte, wo er bald als Komponist große Beachtung fand. Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 lebte er in der Stadt Larvik am Oslofjord.
Von seinen Opern seien noch genannt: Das Lächeln am Fuße der Leiter (nach Henry Miller),Gespenster (nach Henrik Ibsen), Macbeth und Die Glasmenagerie (nach Tennessee Williams). Im Jahr 1984 schrieb Bibalo eine zweite Fassung von Fräulein Julie für eine reduzierte Besetzung von drei Darstellern und sechs Musikern (Streichquintett und Klavier), die in der Deutschen Oper Berlin erstaufgeführt wurde und nun auch am Staatstheater Oldenburg gespielt wird.
Der Inhalt der Oper, deren Libretto der Komponist selbst verfasste, in Kurzfassung:
Julie, die schöne, selbstbewusste Grafentochter, ist nicht bereit, sich in die Rolle einer gehorsamen Ehefrau zu fügen. An ihrem Anspruch, sich keinem Mann unterzuordnen, ist ihre Verlobung gescheitert – und nun verbringt sie die Mittsommernacht auf dem Herrensitz ihres Vaters, wo sie den Kammerdiener Jean vor den Augen seiner Verlobten, der Köchin Christine, verführt. Berauscht von der Mittsommernacht beginnen Julie und Jean eine Affäre, die zu einem gefährlichen Spiel mit den Hoffnungen und Erwartungen des anderen wird und schließlich für Julie tödlich endet.
William Robertson gelang es mit seinem Regiedebüt recht gut, die außerordentliche Dichte des Strindberg-Dramas einzufangen, wobei er Julie und Jean nicht nur in der Liebesszene sehr realistisch agieren ließ. So fährt die Grafentochter zu Beginn mit ihrem Fahrrad in die Küche, wo die Köchin Christine gerade eine Gemüsesuppe so pikant zubereitet, dass sich der Duft bis in den Zuschauerraum ausbreitet. Während der Handlung lässt der Regisseur immer wieder dunkle Vogelschwärme über die Bühnenwände ziehen, was dem Geschehen apokalyptische Züge verleiht. Am Schluss ist der Küchenboden von Rotwein bedeckt, als wate das Liebespaar im Blute ihrer gescheiterten Beziehung.
Für die Gestaltung der Bühne war Lisa Maline Busse zuständig, die eine elegante Küche des vorigen Jahrhunderts baute, von deren Wänden totes Federvieh baumelt und die im Laufe des Stücks mit viel „Gerümpel“ vollgeräumt wurde. Die zeitlos wirkenden Kostüme entwarf Julia Harttung. Peter Scharneweber sorgte für interessante Lichteffekte. So war die Küche anfangs in ein elegantes Türkis getaucht, das sich schließlich in ein stumpfes Braun verwandelte.
Eine großartige Leistung bot die Mezzosopranistin Linda Sommerhage als Julie. Sie spielte alle Facetten ihrer Rolle – von der Arroganz der Grafentochter, die den Kammerdiener ihres Vaters mit ihren körperlichen Reizen zu verführen versteht, bis zur leidenschaftlich Liebenden, die aber schließlich an der Unfähigkeit der Verwirklichung ihrer Ideale als freie und ihr Leben selbst bestimmende Frau verzweifelt – auf beeindruckende Weise. Auch stimmlich überzeugte sie durch expressiven Sprechgesang.
Der amerikanische Tenor Michael Pegher spielte einen intellektuellen jungen Mann und wirkte mehr wie ein Student, der sich sein Studium als Dienstbote verdienen muss und die Gelegenheit zu nutzen versucht, durch die Affäre mit Julie in die adeligen Kreise aufzusteigen, als ein Kammerdiener alten Schlages. Stimmlich konnte er mit guter Wortdeutlichkeit aufwarten. Seine Geliebte, die Köchin Christine, wurde von der amerikanischen Sopranistin Ingela Onstad dargestellt. Von der Regie etwas vernachlässigt, agierte sie fast nur am Herd der Küche.
Das sechsköpfige Kammerorchester (zwei Geigen, dazu Viola, Violoncello, Kontrabass und Klavier), das aus Mitgliedern des Oldenburgischen Staatsorchesters bestand, wurde von Johannes Stertmit großem Einfühlungsvermögen geleitet. Es setzte die teils zarten, teils grellen Töne der Partitur, die sich am Schluss zu einem gewaltigen expressiven Furioso steigerte, lautmalerisch um.
Das der etwa achtzig Minuten dauernden Vorstellung fast atemlos lauschende Premierenpublikum belohnte alle Akteure samt Regieteam mit reichlichem Beifall, wobei Linda Sommerhage für die exzellente Darstellung der Titelrolle mit einigen Bravorufen bedacht wurde.
Udo Pacolt, Wien – München
PS: Die Opernrarität wird im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters noch am
8., 16. und 28. Dezember sowie am 4. Jänner gespielt.